Projekt: Vertrauensarbeitszeit

Ein neues Arbeitszeitmodell aus der Perspektive von Beschäftigten, Betriebsräten, Gewerkschaften und Unternehmen


Vertrauensarbeitszeit – zur Dynamik eines neuen Arbeitszeitmodells

In den späten 90er Jahren entstand unter dem Stichwort „Vertrauensarbeitszeit“ ein neues Arbeitszeitmodell, das durch folgende zentrale Elemente gekennzeichnet ist:

  • die Abschaffung der formellen Zeiterfassung im Betrieb,
  • den völligen Verzicht auf die Auswertung von Arbeitszeitdaten durch den Betrieb.

Für die Zukunft läßt sich aus verschiedenen Gründen eine verstärkte Ausbreitung dieser Arbeitszeitform prognostizieren.

  • Bisherige Formen der Arbeitszeitflexibilisierung – wie Gleitzeit, Jahresarbeitszeit, Zeitkonten bieten den Betrieben bereits relativ weitgehende Spielräume bei der Synchronisierung von Arbeitskräfteeinsatz und Arbeitsanfall. Sie führen jedoch vielerorts zu einem erheblichen Regulierungs- und Steuerungsaufwand. Vertrauensarbeitszeit dagegen sichert den Unternehmen Flexibilität, ohne gleichzeitig den hohen Aufwand eines komplexen Arbeitszeitmanagements im bisherigen Umfang betreiben zu müssen.
  • Die Ausbreitung von Vetrauensarbeitszeit liegt in der Konsequenz aktueller Managementkonzepte, die auf ‚Dezentralisierung‘ und ‚Kompetenzverlagerung nach unten‘ abstellen. Der Verzicht auf direkte Steuerung und Kontrolle und die Aufforderung an die Beschäftigten zur ‚Selbstorganisation‘ in der Arbeitszeitgestaltung fügt sich nahtlos in diese Entwicklung ein.
  • Gleichzeitig folgt die Zunahme von Vertrauensarbeitszeit dem Trend einer verstärkten Dezentralisierung im bundesdeutschen System industrieller Beziehungen. Aushandlungen über die Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen finden immer weniger auf tariflicher und immer mehr auf betrieblicher oder gar individueller Ebene statt. Vertrauensarbeitszeit bedeutet konkret, daß die Ausgestaltung von Arbeitszeiten weitestgehend auf die Ebene des individuellen Arbeitsplatzes und des einzelnen Beschäftigten verlagert wird.
  • Auch für die Beschäftigten ist die Einführung von Vertrauensarbeitszeit mit einem Versprechen verbunden: Dieses Arbeitszeitmodell kann die Möglichkeit bieten, berufliche und private Zeitinteressen in Einklang zu bringen; Anforderungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen können u. U. besser und mit einem Gewinn an Lebensqualität ausbalanciert werden.

Chancen und Risiken, die mit der Einführung von Vertrauensarbeitszeit verbunden sind, unterliegen in der aktuellen Diskussion jedoch höchst kontroversen Einschätzungen. Gegen die positiven Aspekte, die mit Vertrauensarbeitszeit verbunden werden können – wie etwa erhöhte Zeitsouveränität, verbesserte Möglichkeiten zur Selbstorganisation, optimale Anpassung des betrieblichen Arbeitszeitvolumens an den betrieblichen Zeitbedarf –, überwiegt vor allem auf Seiten der Arbeitnehmervertretung eher eine distanzierte Haltung. Mit dem Modell Vertrauensarbeitszeit verbinden sich Befürchtungen über eine weitere Intensivierung von Arbeit, über eine unkontrollierbare Verlängerung von Arbeitszeiten und über eine Schwächung betrieblicher Mitbestimmung durch zunehmende Deregulierung.

Die aktuelle Debatte hängt jedoch argumentativ weitgehend ‚in der Luft‘, da es bislang zwar erste Erfahrungsberichte, aber keine systematischen wissenschaftlichen Befunde über die soziale Praxis von Vertrauensarbeitszeit in den Betrieben gibt. Diesen Mangel möchte das hier skizzierte Forschungsvorhaben beheben.


Forschungsinteresse und Untersuchungsdesign

Zehn Fallstudien in ausgewählten Betrieben der ‚alten‘ wie der ‚neuen‘ Ökonomie werden dazu beitragen, den Kenntnisstand über die gegenwärtig typischen Regulierungsweisen und die betriebliche Praxis von Vertrauensarbeitszeit mit ihren Auswirkungen auf Beschäftigte, betriebliche Mitbestimmung und Personalmanagement zu verbessern. Gleichzeitig soll auf mögliche und sinnvolle tarif- bzw. betriebspolitische Regelungsoptionen hingewiesen werden.

Das Untersuchungsdesign sieht Expertengespräche mit VertreterInnen von Organsationsberatungsunternehmen und Gewerkschaften sowie offene themenzentrierte Interviews mit VertreterInnen des Managements, des Betriebsrats und mit Beschäftigten vor. Drei Themenkomplexe stehen dabei im Zentrum der Untersuchung:

  • In einem ersten Schritt werden die Prozesse und Verfahren in den Blick genommen, die die Aushandlung und Umsetzung von Vertrauensarbeitszeit im Betrieb strukturieren. Dabei geht es vor allem darum, die unterschiedlichen Interessen, Intentionen und Strategien der beteiligten Akteure im Betrieb zu analysieren.
  • Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses steht die aktuelle Praxis der Vertrauensarbeitszeit in ausgewählten Betrieben. Gefragt wird nach der Reichweite sowie nach den Auswirkungen dieses Arbeitszeitarrangements. Thematische Schwerpunkte bilden dabei die betrieblichen Reorganisationsprozesse im Kontext von Vertrauensarbeitszeit, die Arbeits- und Lebenssituation der Beschäftigten und die innerbetrieblichen Aushandlungsstrukturen.
  • Schließlich wird der Versuch unternommen, das Ausmaß des tariflichen und betrieblichen Regulierungsbedarfes aus der Sicht der beteiligten Akteure zu sondieren und auf dieser Grundlage Vorschläge zu einer möglichen Regelung auszuarbeiten.

Das Projekt hat im März 2001 mit einer Gesamtlaufzeit von 24 Monaten seine Arbeit aufgenommen.


Vertrauensarbeitszeit.

Ein neues Arbeitszeitmodell aus der Perspektive von Beschäftigten, Betriebsräten, Gewerkschaften und Unternehmen

TU München

Hans Böckler
Stiftung

Projektteam:

Sabine Böhm, M. A.
Christa Herrmann, M. A.
Prof. Dr. Rainer Trinczek

Technische Universität München Lehrstuhl für Soziologie

Lothstr.17
D-80335 München
Tel.: 089 289-24233
Fax: 089 289-24302
E-Mail: vertrauensarbeitszeit @ ws.tum.de


Veröffentlichungen:

Die Zusammenfassung der Forschungsergebnisse finden Sie in folgender Publikation:

Böhm, Sabine, Herrmann, Christa, Trinczek, Rainer (2004a): Herausforderung Vertrauensarbeitszeit. Zur Kultur und Praxis eines neuen Arbeitszeitmodells, Edition Sigma, Berlin

Weitere Veröffentlichungen aus dem Projekt:

  • Böhm, Sabine (2003): Vertrauensarbeitszeit: Risiko oder realistische Chance für individuelle Zeitautonomie von Beschäftigten. In: verdi(Hg.) (2003): Immer flexibler – immer mehr! Auf dem Weg zur Zeitsouveränität? Dokumentation, Berlin, S. 78–92
  • Böhm, Sabine, Herrmann, Christa, Trinczek, Rainer (2002a): Löst Vertrauensarbeitszeit das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf? In: WSI Mitteilungen, 55, S. 435–441
  • Böhm, Sabine, Herrmann, Christa, Trinczek, Rainer (2002b): Kulturbruch in großem Stil. In: Personalwirtschaft. Magazin für Human Resources, Sonderheft Arbeitszeit, 10/2002, S. 6–10
  • Böhm, Sabine, Herrmann, Christa, Trinczek, Rainer (2004b): Vertrauensarbeitszeit – Die Zeit des Arbeitskraftunternehmers?, erscheint in: Pongratz, H. J., Voß, Günter G. (Hg.): Arbeitskraft und Subjektivität, Berlin, S. 139–162
  • Herrmann, Christa (2003): Mehr Engagement durch Vertrauensarbeitszeit? In: Rinderspacher, Jürgen (Hg.): Zeit für alles – Zeit für nichts? Die Bürgergesellschaft und ihr Zeitverbrauch, SWI Verlag, Bochum S. 196–223